Leichte und Einfache Sprache

Warum ich mich nicht streng an die Regeln halte

Dieser Artikel ist bereits im MDÜ 1/26 erschienen.

Immer mehr Profis fürs Übersetzen und Dolmetschen erweitern ihr Portfolio durch Leichte und Einfache Sprache. Aber was macht diese Nische aus? Wie unterscheiden sich beide Konzepte? Und warum ist die Regelwerk-Frage so kompliziert? In diesem Artikel gebe ich Einblicke aus meiner Praxis – mit klarer Meinung zu den verschiedenen Ansätzen.

Ich selbst bin im Studium zu diesem Feld gekommen. Was mich begeistert: Ich arbeite im inklusiven Team statt allein im stillen Kämmerlein – und erlebe direkt, wie Informationen bei den Menschen ankommen, für die sie gedacht sind.

Was ist Leichte Sprache?

Leichte Sprache ist eine stark vereinfachte Sprachform, die Inhalte verständlicher aufbereitet. Ihr Ziel: Kommunikationsbarrieren abbauen und so mehr Teilhabe ermöglichen. Im deutschsprachigen Raum wird Leichte Sprache oft über die Einhaltung bestimmter Regeln definiert. Dem gegenüber steht der Ansatz, Leichte Sprache je nach Situation anzupassen an Faktoren wie Zielgruppe, Thema oder Medium.

Leichte Sprache war ursprünglich schriftlich, wird heute aber auch mündlich angewandt – etwa durch Simultandolmetschen und Verstehensassistenz [1] bei Konferenzen.

Der Unterschied zu Einfacher Sprache?

Innerhalb der Verständlichkeitskonzepte wird zwischen Leichter Sprache und Einfacher Sprache unterschieden. Der wichtigste Unterschied liegt in der Entstehung:

  • Leichte Sprache hat sich im Zuge der Selbstbestimmungsbewegung von Menschen mit Behinderungen gebildet. Sie kann daher als Teilhabekonzept mit relativ klarer Zielgruppe beschrieben werden: Menschen mit Lernschwierigkeiten [2]. Diese sind zudem als sogenannte Prüfer*innen Teil des partizipativen Erstellungsprozesses. Sie ist als Form der barrierefreien Kommunikation auch rechtlich verankert [3].
  • Bei Einfacher Sprache ist die Entstehungsgeschichte unklarer. In Deutschland gab es anfangs vor allem literarische Texte für Menschen mit Leseschwierigkeiten, die oft in Grundbildungskursen angewandt wurden.
    International liegt der Fokus mehr auf verständlichen Behördentexten. Die PLAIN-Bewegung erreichte 2010 in den USA, dass Bundesbehörden per Gesetz in Einfacher Sprache kommunizieren müssen. Seit 2024 gibt es nun auch DIN-Normen für Einfache Sprache, die die breitere PLAIN-Definition übernommen haben. Damit wird auch das Konzept „bürgernahe Sprache“ aus der Verwaltung von Einfacher Sprache abgedeckt.

Die wichtigsten Regelwerke

Vor den DIN-Normen für Einfache Sprache galt Leichte Sprache oft als stark reglementiert, Einfache Sprache als freier. Tatsächlich gibt es mehrere Regelwerke für Leichte Sprache. Die Idee dahinter: Über allgemeingültige Regeln Verständlichkeit garantieren. Die ersten Regelwerke entstanden aus der Praxis (zum Beispiel vom Verein Netzwerk Leichte Sprache und dem österreichischen Franchise-System capito), später kamen wissenschaftlich basierte dazu (Bredel/Maaß 2016). Seit 2025 gibt es eine Quasi-Norm als Vereinheitlichungsversuch: die DIN SPEC 33429. Besonders ist hier, dass zum ersten Mal auch Expert*innen für Grafik und Typografie teilgenommen haben.

  • Daneben hat Bettina M. Bock in der breit angelegten LeiSA-Studie 2019 die gängigen Regeln empirisch überprüft mit dem Ergebnis, dass verschiedene Empfehlungen der Regelwerke für die Zielgruppe nicht problematisch, aber nach dem Sprachgefühl der Leser*innen von „schlechterem Stil“ zeugen (zum Beispiel das „Verbot“ des Genitivs).

Deshalb bin ich von der wissenschaftlichen Position überzeugt, dass die „Regeln“ je nach Kontext sprachlich und gestalterisch angepasst werden müssen. So plädiert Bettina M. Bock für fünf Angemessenheitsfaktoren:

  • Adressat*innenkreis,
  • Thema oder Inhalt,
  • Textfunktion,
  • Situation, in der die Leichte Sprache rezipiert wird,
  • Sender

Ein paar Beispiele: Eine bestimmte Schriftgröße ist in einem gedruckten Heft genau richtig, auf einer Visitenkarte zu groß und auf einem Wandplakat zu klein. Ein Fremdwort kann für eine Zielgruppe zu schwer, für eine andere aber genau richtig sein.

Schaut man genauer in die Regelwerke, sind die Unterschiede gar nicht so groß. Ob ein Text gut oder schlecht geschrieben, ob er funktioniert oder nicht, hat meiner Erfahrung nach wenig mit dem Regelwerk dahinter zu tun. Mein eigener Weg ist daher: Ich habe alle Regelwerke verinnerlicht, schreibe aber ohne Dogma. Dort, wo es mir richtig erscheint, breche ich die „Regeln“ bewusst. Das ist auch die Idee hinter der Literaturküche [4], einem Herzensprojekt von Dorothea Traupe und mir: in einem „Experimentierraum für inklusive Literatur“ probieren wir in unterschiedlichen Formaten kreative, ganzheitliche Blicke auf verständliche Sprache.

Wie läuft ein Übersetzungsprojekt ab?

Vorab sei gesagt: Ich spreche von „Übersetzung“, weil es sich etabliert hat. Manche sprechen aber lieber von „Adaption“, um zu verdeutlichen: Wir vereinfachen nicht nur Text, wir erstellen ein neues Textprodukt, mit neuer Struktur, ausgewählten Inhalten, zusätzlichen Erklärungen und angepasster Gestaltung. Das macht auch einen besonderen Erstellungsprozess nötig, an dem viele Köche beteiligt sind.

Jedes Projekt ist anders, hier aber ein typischer Ablauf:

1.      Kick-Off

Alle Beteiligten lernen sich kennen. Projektziele und Meilensteine werden festgelegt.

2.      Konzepterstellung

In Absprache mit Grafik und/oder Webdesign erstelle ich ein verständlichkeitsoptimiertes, barrierearmes Konzept für Inhalt, grafische Gestaltung, Bebilderung und/oder technische Umsetzung (bei Websites sollte dieser Schritt vor der Programmierung stehen).

3.      Erster Entwurf

Ich erstelle einen ersten Textentwurf in Word. Oft baue ich bereits provisorisch passende Bilder ein. So wird deutlich, welches Bild an welche Stelle soll.

4.      Korrekturschleifen

Der*die Auftraggeber*in erhält den Textentwurf, um Änderungswünsche zu formulieren. Ich arbeite die Wünsche ein. Zur Kontrolle erhält er den Text erneut.

5.      Verständlichkeitsprüfung

Die Prüfgruppe testet die Verständlichkeit des Rohtextes (Word). Die Verständlichkeitsprüfung erfolgt per Zoom-Konferenz. An jeder Sitzung nehmen zwei bis drei Kolleg*innen mit Lernschwierigkeiten teil, begleitet von einer Prüfmoderatorin [5]. Der Auftraggebende erhält das überarbeitete Dokument mit Änderungen und Kommentaren.

6.      Gestaltung/Umsetzung im Web

Der Text wird professionell gestaltet bzw. in die Website integriert.

7.      Überprüfung Umsetzung

Ich gebe Rückmeldungen zur Umsetzung. Hier gibt es meist weitere Korrekturschleifen.

8.      Usability Testung

Die Prüfgruppe testet die Umsetzung auf der Website. Der Auftraggebende erhält ein schriftliches Protokoll.

Blick in die Praxis

Der beschriebene Ablauf klingt nach Standard und Vergleichbarkeit. Tatsächlich folgt aber kein Projekt genau den Vorgaben oben. Für die Gedenkstätte Stutthof haben wir uns zum Beispiel alle an einen Tisch gesetzt: ein Mitarbeiter, Menschen mit Lernschwierigkeiten, ich als Leichte-Sprache-Expertin und weitere Expert*innen. Gemeinsam haben wir Medium und Inhalte bestimmt[1]. Bei einem anderen Projekt haben wir frei getextet und einen Comic entwickelt, was natürlich mehr Absprachen mit Grafik und Illustration erfordert hat[2].

Wahr ist auch: Viele Auftraggebende wollen nur den Text übersetzen lassen. „Um den Rest kümmern wir uns“, heißt es dann. Gemeint sind Website und Gestaltung. Aber: Ein Text, der nicht gefunden wird, schlecht lesbar ist oder nicht praktisch angewandt werden kann, verdient die Bezeichnung „leicht“ nicht. Es braucht ein professionelles Gesamtkonzept, das die Angemessenheitsfaktoren (siehe oben) für Gestaltung und Inhalt berücksichtigt.

Also müssen wir Übersetzer*innen erklären und verhandeln. Ein Grund, weshalb ich lieber tolle, kreative Lösungen mit kleinen Vereinen suche als an großen Ausschreibungen teilzunehmen.

Fazit

Schwirrt dir der Kopf? Das ist verständlich. Die Welt der Leichten und Einfachen Sprache ist komplex: verschiedene Regelwerke, wissenschaftliche Debatten, rechtliche Vorgaben. Mein Fazit aus der Praxis: Lerne die Regeln – und entscheide dann situativ. Beziehe die Zielgruppe ein. Denke Text, Gestaltung und Technik zusammen. Und vor allem: Hab den Mut, auch mal Regeln zu brechen, wenn es der Verständlichkeit dient. Denn am Ende zählt nur eins: Kommen die Informationen bei den Menschen an?


[1] Für nähere Informationen zur Verstehensassistenz siehe meinen Blogartikel „‚Emotional ist auch, wenn man nichts fühlt‘ – Einblicke in meine Arbeit als Verstehensassistenz“.

[2] Die Bezeichnung „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ ist ein Selbstvertretungs-Begriff, der „Menschen mit geistiger Behinderung“ ersetzen soll. Die Debatte läuft noch. Seit November 2025 nutzt die Lebenshilfe offiziell „Menschen mit Unterstützungsbedarf“.

[3] Seit 2011 in der Barrierefreien-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) und seit 2018 in §11 des Behindertengleichstellungsgesetz (BGG).

[4] Siehe https://literaturkueche.de/.

[5] Siehe hierzu auch: „Das Prüfen auf dem Prüfstand. Die Rolle der Moderatorinnen beim Prüfen von Texten in Leichter Sprache“ (Schiffler, 2022).

[6] Das Projekt „Erinnern-inklusiv“.

[7] Das Projekt „Herzfroh 2.0“ (https://shop.bioeg.de/catalogsearch/result/?q=herzfroh).