Mehr als Buchstaben entziffern – Was inklusive Leserunden möglich machen

In „Maras Baby“ von Alexandra Lüthen geht Mara zum Frauenarzt. Sie ist schwanger und freut sich. Doch der Arzt sagt nur: „Sie müssen zur Beratung. Noch ist Zeit.“

Wir haben diese Geschichte in Einfacher Sprache im Mai in drei inklusiven Leserunden gelesen: Beim Leichte-Sprache-Fest in Würzburg, in einer Buchhandlung in Glückstadt und in der Bücherhalle Barmbek am Tag der Leichten Sprache in Hamburg. In allen drei Räumen war sofort klar, was der Arzt sagen will – obwohl das Wort „Abtreibung“ nicht genannt wird. In allen drei Räumen waren sich die Leser*innen auch einig, dass er es nur sagt, weil Mara eine Frau mit Lernschwierigkeiten ist.

Was danach kam, war jedes Mal ein anderes Gespräch.

Das Konzept hinter der Vorlese-Stunde

Seit 2020 mache ich die Vorlese-Stunde. Jeden Montagabend treffen sich online Menschen mit und ohne Leseschwierigkeiten zum gemeinsamen Lesen. Wir arbeiten nach der Methode des LEA Leseklubs®. Das Format kommt ursprünglich aus den USA. Anke Groß-Kunkel, promovierte Heilpädagogin, hat es in Deutschland eingeführt. Die LEA Leseklubs® treffen sich klassischerweise in öffentlichen Räumen, oft in Cafés; unsere Runde ist die erste rein digitale.

Das Prinzip ist einfach: Ich teile meinen Bildschirm, wer mag, liest eine Seite der Geschichte vor. Im Anschluss fassen wir den Text zusammen, um eine gemeinsame Grundlage zu haben. Dann tauschen wir unsere Eindrücke aus.

Die Online-Runde geht analog

Nun haben wir also zum ersten Mal vor Ort gelesen. Dreimal Mara, dreimal die gleichen Sätze, dreimal andere Menschen im Raum – die sich, anders als in der vertrauten Online-Runde, vorher nicht kannten.

Die Reaktionen unterschieden sich deutlich. In Würzburg fielen Sätze wie: „Menschen mit Behinderungen dürfen doch keine Kinder bekommen“, „Abtreibung ist Mord“ und „Gleichberechtigung heißt: Der Mann arbeitet, die Frau bleibt zuhause.“ In Hamburg klang das ganz anders. Jemand sagte zum Beispiel: „Ich meine, das ist illegal. Ein Arzt darf nicht zur Abtreibung raten. Die Entscheidung muss von der Frau selbst kommen, und vorher muss sie zur Beratung.“ In Glückstadt diskutierten wir über den letzten Satz der Geschichte – „Mara ist müde. Mara ist glücklich. Mara ist eine ganz normale Mutter“ – und ob er das Vorurteil, das er widerlegen will, nicht gleichzeitig mittransportiert.

Was toll war: Die Geschichte wurde von allen verstanden – über sehr unterschiedliche Verstehensmöglichkeiten hinweg. „Maras Baby“ zeigt damit, was gute Literatur in verständlicher Sprache leisten kann: Sie reduziert die Form, flacht aber nicht den Inhalt ab.

Literatur als Brücke

Drei Räume, drei Resonanzen. Was alle drei Lesungen verband, war etwas anderes als die Einzelheiten der Gespräche: Die Geschichte hat bewegt. Menschen mit Lernschwierigkeiten, eine Mutter eines Sohnes mit Behinderung, eine Buchhändlerin, ein junger Doktorand, eine pädagogische Fachkraft – alle haben sich angesprochen gefühlt, alle haben Anknüpfungspunkte gefunden. Mal als Mutter, mal als Onkel, mal als Mensch mit Erfahrung von Bevormundung, mal als Mensch mit Erfahrung von Überforderung. Mara holt offenbar etwas ab, das nicht an eine bestimmte Lebenslage gebunden ist.

Selbstbestimmung braucht Verstehen

Inhaltlich ist mir wichtig: Jeder Mensch hat das Recht auf Selbstbestimmung. Dafür braucht es Wissen. Dafür braucht es Sprache, in der dieses Wissen ankommt. Und dafür braucht es Räume, in denen Menschen sich austauschen, voneinander lernen und sich stärken können – zum Beispiel über Elternschaft, Verhütung oder Abtreibung.

Dazu eine Leseempfehlung: Das inklusive Magazin „andererseits“ hat in Ausgabe 12 zum Thema reproduktive Selbstbestimmung recherchiert. Frauen mit Behinderung erhalten überdurchschnittlich häufig die Drei-Monats-Spritze oder werden sterilisiert, ohne immer zu wissen, was das bedeutet. Wer aber die Tragweite einer medizinischen Entscheidung nicht versteht, kann sie nicht selbst treffen.

Selbstbestimmung heißt aber auch, zu wissen, welche Unterstützung möglich ist. In allen drei Lesungen kam der Gedanke auf: Menschen mit Behinderungen können Kinder bekommen – sie brauchen nur die Unterstützung, auf die sie ein Recht haben. Eine Teilnehmerin teilte dabei auch ihre eigene Sorge: Wenn ihr Sohn mit Behinderung ein Kind bekäme, würde sie mit in der Verantwortung stehen – und sie trage schon jetzt viel. Auch das ist verständlich. Bemerkenswert ist: Der Begriff der Begleiteten Elternschaft – ein Unterstützungsangebot für Eltern mit Lernschwierigkeiten war in keiner der drei Runden bekannt.

Inga hält das Klemmbrett und zeigt die Nutzung der Lesehilfe. Im Vordergrund sind verschwommene Teilnehmende.

Lesen als sozialer Akt

Die Sätze aus Würzburg zeigen, wie tief internalisierte Vorstellungen davon, wer Eltern sein darf und wessen Körper wem gehört, noch sitzen – auch bei Menschen mit Behinderungen selbst. Leserunden sind so wertvoll, weil sie einen Raum schaffen, in dem Menschen sich austauschen, auch gegensätzliche Ansichten wertschätzend verhandeln und Verständnis für andere Lebenswelten und Denkweisen entwickeln können. Lesen ist mehr als das Entziffern von Buchstaben – es ist ein sozialer Akt. Wer gemeinsam liest und diskutiert, entwickelt dabei auch ein Verständnis von sich selbst und der eigenen Rolle in der Welt.

Lust mitzulesen?

Die Vorlese-Stunde ist offen für alle. Jeden Montag, online, kostenlos. Schreib mir gern, wenn du dabei sein möchtest.
Anmeldung Vorlese-Stunde